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Schulreform ohne Scheuklappen

Die deutschen Schulen sind - auch 2008 noch - mehrheitlich schlecht organisiert, nicht ausreichend zukunftstauglich, sie „verstimmen“ zu viele Klienten, weisen ungünstige Kosten-Nutzen-Relationen auf, fördern soziale Ungleichheit, belasten Familien bzw. entlasten sie zu wenig, behindern eine positive sozial-emotionale und politische Entwicklung vieler Klienten.

Woran kann man eine gute Schule von einer schlechten unterscheiden?
Wenn sie die Arbeitslosigkeit, den Alkoholismus, die Kriminalität, das Unglück und die Krankheiten der Klienten reduziert.
Man muss also zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärzielen unterscheiden. Eine gute Mathe-Note zu erhalten, ist kein sinnvolles Ziel. Bei einem geprüften Mathe-Test gut abzuschneiden ist ein Tertiärziel. Eine für das Leben brauchbare mathematische Kompetenz zu erwerben ist ein Sekundärziel. Gesund bleiben und einen guten Job erhalten sind Primärziele.
Außerdem kann man die Frage stellen: Bildungsziele für wen? Für die Kultusminister/Innen mag die Erstellung von nationalen Bildungsstandards ein zentrales Ziel sein, für Eltern und Kinder ist es keines. Für Kinder und Eltern sind Ziele: mit Freude lernen, Kompetenzen erwerben, die man im späteren Leben wirklich benötigt, Lernstrategien erwerben, die künftiges Lernen erleichtern usw.

Da man bisher in deutschen Schulen bei zu vielen Schülern politisches Desinteresse und soziale und politische Inkompetenz hergestellt hat, sollte man sofort beginnen, die Mitbestimmung der Schüler schon von der ersten Klasse an zielstrebig aufzubauen. Der deutsche Geschichts- und Politikunterricht ist verstaubt. Politisches, soziales, ökonomisches und mathematisches Wissen sollte verbunden werden.

Es folgt ein Reformvorschlag, der sich auf sozial- und erziehungswissenschaftliche Forschungsergebnisse stützt:
Die Schulen sind altersmäßig nicht festgelegt, jedenfalls beginnen sie mit 0 Jahren. Geöffnet sind sie montags bis samstags, später auch sonntags, ganztags, d.h. von 8 bis 20 Uhr. In der Schule kann man lernen, sich beraten lassen, spielen, Sport treiben, musisch tätig sein, essen, schlafen und sich entspannen. In der Schule wird nicht nur Erziehungsberatung, sondern auch Gesundheits-, Wirtschafts-, Rechts- und Konsumentenberatung durchgeführt.
Der größere Teil des schulischen Lernens findet nicht im Fachunterricht statt. Das derzeitige Curriculum – auch in seinen neuesten Fassungen – ist verstaubt und kann keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Es werden Module angeboten, Bausteine, für die auch Qualifikationsstandards gesetzt werden, die geprüft werden können. Die Prüfungen sind primär Selbstprüfungen der Lernenden.
Neben dem dezentralen lernen, der Selbstdiagnose und der dezentralen Fremddiagnose (Lehrer, Mitlernende, Eltern, andere) gibt es zentrale Prüfanstalten, die von den Lernenden als Dienstleistung in Anspruch genommen werden können. Wichtig sind Lernberatungssysteme, damit tatsächlich die Verteilung der Kompetenzen erreicht wird, die für die Lernenden und für Regionen oder andere gesellschaftliche Einheiten optimal ist.
Es gibt keine Jahrgangsklassen, keine zentralen Festlegungen, wie lange eine Unterrichtsstunde dauert, keine Stundenverpflichtungen für Lehrer und Schüler, keine fachspezifischen Stundentafeln, keine Verpflichtung, bestimmte Lehrbücher zu benutzen.
Die Einstellung des Personals, zu dem nicht nur Lehrer gehören, erfolgt durch schulinterne Kommissionen. Lehrer erhalten ein an Schweden und Finnland orientiertes Grundgehalt. Sie müssen eine Mindestanzahl von Stunden in der Schule verbringen. Zusätzliche Bezahlung bzw. Gratifikationen anderer Art sind von Leistungen abhängig. Leistungen werden durch die Selbst- und Fremddiagnose der Schüler und der Lehrer und durch Systembeurteilungen der Schule erfasst. Im Zentrum der schulischen Arbeit steht der Aufbau, die Erhaltung und Erweiterung von Basiskompetenzen. Außerdem können Schulen Bildungsschwerpunkte bilden.
Schüler haben die Verpflichtung, eine Mindestanzahl von Stunden in Lernkontexten zu arbeiten, wobei sie auch an verschiedenen Schulen, zu Hause, und in anderen Lernkontexten sein können. Die Messung und Bewertung der Tätigkeit von Schülern und Lehrern erfolgt über Kommunikationstechnologien.
Gebaut werden nicht Betonburgen sondern ambulante interprofessionelle Teams, die vor allem Beratung und Evaluation anbieten. Auch die Lehrerausbildung findet räumlich nicht mehr primär in Hochschulen sondern in verschiedenen Lernkontexten und vor allem in Schulen statt.
Die Schule beginnt für das Kind und für die Hauptbetreuungsperson, in den meisten Fällen die Mutter, möglichst bald nach der Geburt. Kindergärten, -krippen und horte sind im Schulsystem integriert. Es werden Eltern-Kinder-Lehrer-Gruppen gebildet, in denen ein umfassender Erziehungsdiskurs geführt wird. Für diese Gruppen wird regelmäßig Supervision angeboten. Zusätzlich werden für und von allen Beteiligten interregionale und internationale Vernetzungsstrukturen errichtet und weiterentwickelt.
Kinder werden frühzeitig geschult, selbstständig Lernentscheidungen zu fällen und ihre eigenen Kompetenzen zu beurteilen. Tutoren, d.h. vor allem Kinder und Jugendliche, helfen Kindern, unterrichten sie, stellen für andere Lernmaterial her.
Die Notengebung wird schrittweise – beginnend bei den unteren Schulstufen – abgeschafft. Sitzenbleiben wird ersatzlos gestrichen, bzw. sein Verschwinden ergibt sich durch die Abschaffung von Jahrgangsklassen.

Grundlage einer langfristigen Reform ist der allmähliche Abbau der gesetzlichen und bürokratischen Fesseln, die Schüler, Lehrer und Eltern an der Entwicklung hindern.
Nicht die Festlegung von nationalen Bildungsstandards, zentrale Abschlussprüfungen, Festschreibung von Schul- und Organisationsformen, rigide Lehrpläne und ähnliche zentralistisch verordnete Regelwerke erbringen langfristige Erfolge für eine moderne Gesellschaft, sondern eine zukunftstaugliche, die Potenziale aller Beteiligten aktivierende, alters-, berufs- und schichtheterogene Gruppenbildung.

Der Veränderungsprozess kann übrigens ohne gravierende Erhöhung des Gesamtbildungsetats erfolgen, wenn man ihn über 20 Jahre kontinuierlich durchführt und die Mittelverwendung optimiert.

Ein Projektvorschlag: Schulteams entwickeln Tests, die Kandidaten für die Position eines Kultusministers vorgelegt werden und deren Ergebnisse dann ins Internet gelegt werden.

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© 2017 - Dr. Klaus Feldmann