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Schule und Hochschule nach Pisa

2004

Vorbemerkung: Inzwischen (2017) würde ich einige Veränderungen in diesem Text anbringen (nicht nur aufgrund der veränderten Datenlage), doch er spiegelt meine damaligen Ansichten.

Die Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) war und ist Anlass, eine vielfältige öffentliche Diskussion über das deutsche Bildungswesen zu führen – ein positives Ergebnis einer enttäuschenden Botschaft. 

Drei wichtige Ergebnisse der Pisa-Untersuchung (und der TIMSS-Studie):

  1. Die Lesekompetenz von mindestens 15 % der deutschen 15-jährigen ist so mangelhaft, dass sie bei jeglicher Berufstätigkeit und auch bei vielen anderen Alltagsaktivitäten für die Betroffenen behindernd wirkt.
  2. Deutschlands Schulen liefern einen relativ hohen Anteil von Schülern, die zu geringe Kenntnisse in den wichtigen Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und allgemeines Textverständnis zeigen.
  3. Die soziale Ungleichheit wird durch das deutsche Schulsystem und durch die Sozialstruktur in überdurchschnittlichem Masse gefestigt und gefördert.

 (vgl. Baumert et al. 2001) 

In der durch die Pisa-Studie angeheizten Bildungsdiskussion wurden und werden weitere mit dem Erziehungssystem zusammenhängende soziale Probleme thematisiert. Hier eine Auswahl:

  1. Viele ausländische junge Menschen, die in Deutschland aufwachsen, erhalten eine unzureichende Bildung, so dass sie für den Arbeitsmarkt mangelhaft vorbereitet sind.
  2. Für Mütter und Familien mit geringen Einkommen stellt der deutsche Staat – im Vergleich etwa zu Schweden oder Frankreich – eine mangelhafte Infrastruktur (Kindergartenplätze, gesetzliche Regelungen usw.) zur Verfügung.
  3. Die Abbrecherquoten an Hochschulen sind sehr hoch.
  4. Es gibt in verschiedenen Fächern und Gebieten zu wenige Hochschulabsolventen, da die Schul- und Hochschulstrukturen und die Beratungssysteme unzureichend sind.
  5. Das Desinteresse an aktuellen politischen Ereignissen und teilweise an Politik generell ist in der jungen Generation allzu hoch (vgl. Civic Education Study 2000).


Die internationale Schulforschung hat folgende Erkenntnisse gebracht bzw. stützt folgende Annahmen über Wirkungen von Maßnahmen auf die Schülerleistungen (vor allem in den Hauptfächern):

  • Späte Selektion (ca. ab 8. Jahrgang) ist früher Selektion (ab 4. Jahrgang) überlegen
  • Lehrer-Schüler-Relation ist innerhalb der normalen Schwankungsbreite (EU) unbedeutsam
  • Unterrichtsorganisation ist sehr bedeutsam (Individualisierung, Kleingruppen, Teamarbeit, Schüler helfen S. etc.)
  • Ressourcen im Bereich 0 bis 6 erbringen im Vgl. zu anderen Bereichen die besten Ergebnisse
  • Früher Erwerb der Landessprache (sprechen, lesen, schreiben) ist sehr bedeutsam
  • Selbstständigkeit der Schule (Befreiung von bürokratischer Gängelung) wirkt positiv
  • Diagnose und Evaluation (auf allen Ebenen: Schüler, Lehrer, Schule, Schulsystem) wirkt positiv.


In dem von Bernd Fahrholz, Sigmar Gabriel und Peter Müller herausgegebenen Buch „Nach dem Pisa-Schock“ (2002) sind Stellungnahmen zum deutschen Bildungswesen von 16 PolitikerInnen, 14 Personen in führenden Positionen im Wirtschaftsbereich, 6 Erziehungs- und Sozialwissenschaftlern, 4 Wirtschaftswissenschaftlern und 2 anderen Wissenschaftlern versammelt. LehrerInnen, SchülerInnen, AusländerInnen, UnterschichtlerInnen oder Pisa-ForscherInnen kommen in dem Sammelband nicht zu Wort.

Welche Problemerörterung kann man von einem derartigen Buch erwarten?

Problem 1: Symptombeschreibungen, vor allem auf die Pisa-Studie bezogen.
Problem 2: Welche Ursachen sind für die schlechten Leistungen (Lesekompetenz etc.) hauptsächlich verantwortlich?
Problem 3: Welche Maßnahmen oder Mittel können eingesetzt werden, um die Situation zu verbessern?

Zu 1 wird wenig in dem Buch mitgeteilt. allerdings kann man sich darüber auch anderweitig informieren. Nur ein Teil der Beiträge bezieht sich explizit auf die Pisa-Untersuchung. In differenzierter Weise geht nur der Aufsatz von Wößmann auf die Studie ein.
Zu 2 wird unsystematisch Stellung bezogen.
Zu 3 erfolgen teilweise Stellungnahmen, die allerdings meist unzureichend begründet werden.
Kreative und in Schulen derzeit auch gut praktizierbare Lösungsvorschläge bietet hauptsächlich der Aufsatz von Struck. Ein relativ großer Teil der Beiträge behandelt nicht Probleme der Schule sondern diskutiert die Hochschulausbildung.

Insgesamt ist festzustellen, dass das Interesse der meisten AutorInnen sich stärker auf Eliten, Hochschulausbildung und Begabtenförderung konzentriert, während die Probleme der Unterprivilegierten, Ausländer und leistungsschwachen Kinder kaum diskutiert werden. Somit erfolgen auch keine Stellungnahmen zu der hohen Zahl von Sitzenbleibern und von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss. 
Nur 3 von 42 Beiträgen beschäftigen sich mit dem eminent wichtigen Thema der Vorschulpädagogik, der Kindergärten und Krippen. Wenige Vorschläge beziehen sich auf eine strukturelle Unterstützung der Eltern und der Familien bei der Erziehung. 
Es gibt einige Aspekte, die mehrfach genannt werden, jedoch mit den zentralen von der Pisa-Studie behandelten Fragestellungen nur indirekt verbunden sind: Abschaffung der ZVS, Einführung von Studiengebühren und Förderung der Konkurrenz zwischen Hochschulen. 
Obwohl mehrere ExpertInnen aus dem politischen und ministeriellen Bereich zu Wort kommen, wird kaum eine kritische bzw. strukturell erhellende Stellungnahme zur Kultur- und Schulverwaltung des Bundes und der Länder abgegeben – offensichtlich ein Bereich, in dem Scham und Peinlichkeit vorherrschen. Der bildungspolitische Provinzialismus, der in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland vorgeherrscht hat (länderspezifische Regelungen, keine bundesweiten kreativen schulbezogenen Organisationen, keine systematischen Erprobungen von in anderen Staaten teilweise bewährten Organisations- und Unterrichtsformen etc.), wird nicht aufgearbeitet, so dass man bezüglich seiner Überwindung skeptisch bleiben muss.
Zu klaren halbwegs operationalisierbaren Aussagen über das Bildungssystem kommen die AutorInnen viel eher im Hochschulbereich als im Schulbereich. dies deutet auf spezielle Kompetenzen, bzw. Inkompetenzen, Ängste, gruppenspezifische Konfliktlagen und unbearbeitete Traditionen hin.

Es folgt eine tabellarische Kurzdarstellung der wichtigen Aspekte in den einzelnen Beiträgen in Stichworten.

Tabelle zum Sammelband „Nach dem Pisa-Schock“

Heinze nicht Schulorganisation, sondern Unterricht entscheidend; Mangel: nicht kreativ u. kooperativ lernen; lebenslanges Lernen; Ausbildung verkürzen; Modularisierung; „über den Zaun schauen“ (Auslanderfahrungen?)
Berninger Wertekanon aus dem Grundgesetz abgeleitet; Wertevermittlung; Schule als Erlebensraum; Integration von unteren Schichten u. ausländischen Kindern
Gabriel kreativ lernen, soziale Kompetenz, Partizipation, lebenspraktisch, innere Differenzierung, individuelle Förderung, fächerübergreifend, Projekt, Ganztagsbetreuung
Müller Dezentralisierung, Schulautonomie, Elternrechte, gegen ZVS, Hochschuleneingangsprüfungen, Studiengebühren, Evaluation, Kindergartenplatzgarantie, Krippen, Ganztagsbetreuung, experimentell
Schipanski Wissensgesellschaft, Lehrinhalte didaktisch neu gestalten, Beschränkung auf Grundwissen, dynamische Kultur, Werte
Bulmahn kreativ, Chancengleichheit, zu frühe starre Differenzierung, soziale Herkunft durch Schule bestärkt, Begabten- und Breitenförderung, Diagnostik, Beratung
Schäuble Wissensgesellschaft, Grundkenntnisse lesen etc, Lebenswissen
Reuter Bildungspolitik in D - viele Akteure, etatistisch, in Ländern zentralistisch, Konkurrenz zw. Schulen u. Hochschulen wünschenswert, unabhängige Test- u. Evaluationsagenturen
Westerwelle (Erst)Ausbildung kürzen, Entbürokratisierung (z.B. ZVS)
Middelhoff ZVS abschaffen, Studiengebühren, Kooperation zw. Univ. u. Unternehmen
Behler Schulautonomie, Evaluation
Wößmann Pisaergebnisse: Ausstattung d. Schule, Erfahrung u. Ausbildung d. Lehrer, zentrale Prüfungen, Konkurrenz staatlicher m. privaten Schulen, Schulautonomie, objektive Leistungsüberprüfung von Schülern
Struck selbständig lernen, handlungsorientiert lernen, aus Fehlern lernen, peer tutoring, anderen etwas erklären, Partnerarbeit, jahrgangsübergreifend, Coaching, Beratung, Schulmanagement, Schulsponsoring, Eltern- u. Schülermitbestimmung
Rüttgers Disziplin, Erziehungsnotstand, Ideologie der Gleichheit, gegen Einheitsschule, Werte
Lemke Kooperation Schule – Betrieb, Betriebspraktika
Bergmann zu wenig Kindertagesstätten u Ganztagsschulen, Vgl. m. Dänemark, Schweden, Frankreich, Belgien, Vorschulpädagogik, Integration ausländischer Kinder
Hundt Lehrer wissen zu wenig über Berufswelt, Arbeitskreise Schule-Wirtschaft, Unterrichtsfach Wirtschaft
Schmoldt duales System, Mängel in Grundkompetenzen (lesen, schreiben etc), zu geringe Ausbildungsbereitschaft v. Betrieben
Wiedeking zu wenig Naturwissenschaftler u. Ingenieure, Autonomie u. Praxisbezug in Schule u. Hochschule verstärken
Fleig Ausbildung bei Daimler-Chrysler
Volkert Fähigkeit zum prozessorientierten vernetzten Denken u Handeln, berufl. Bildung (neue Berufsbilder, neue Prüfungsinhalte)
Kleinhenz Bevölkerungsentwicklung, Erstausbildung verkürzen, Teilzeitarbeit, Rolle eines Einwanderungslandes erlernen
Rogowski Hochschulkonkurrenz, Bildungsmärkte, Studiengebühren, Hochschuleingangstest, Evaluation u. Akkreditierung, Management
Biedenkopf Bevölkerungsentwicklung, soziale Systeme, Arbeitsmarkt, Wissensgesellschaft, Studiengebühren, private Schulen u. Hochschulen, Autonomie u. Konkurrenz, statt Erlässe Prozesssteuerung, Begabtenförderung
Warnecke Universität: Fokussierung, Spezialisierung, Studiengebühren, mehr Hochschulabsolventen, Verkürzung d. Ausbildungsdauer
Eltges Kosten- und Leistungsrechung f. Hochschulen
Siebert Standortwettbewerb, ZVS abschaffen, Hochschulkonkurrenz, Hochschulpolitik überregional u. länderübergreifend, Bildungsgutscheine, Stipendien 
Schaumann Hochschulkonkurrenz. mehr private Hochschulen, Modularisierung (statt Studiengänge), multimediales Lernen, Exzellenz, Internationalität, Transdisziplinarität, Interaktivität (Campus), Autonomie der Hochschule, Management
Berger Toptalente an deutschen Hochschulen halten, Modularisierung, Leistungspunktsystem (European Credit Transfer System), Internationalisierung, ausländische Studenten u. Wissenschaftler, Hochschulmarketing
Brackmann globaler Bildungsmarkt, Modularisierung, Leistungspunktsystem (Credit-Points), Zentrale Akkreditierungs- und Evaluationsagentur
Glotz Kooperation Wirtschaft u Universität, Fundraising, Wissenschaftskommunikation
Merkel Elite, Begabtenförderung, Hochschulautonomie, ZVS abschaffen
Steinberg Schlüsselqualifikationen, selbständiges Studium, kommunikatives Lernen, ZVS abschaffen, 
Will Unternehmenskultur, Studenten als Unternehmer, Dozenten als Coach
Miegel lebenslanges Lernen, am besten in früher Kindheit (Hirnforschung), altersheterogenes Lehren und Lernen, Lernen durch Lehren, keine Verbeamtung von Lehrern, differenzierte Lehrmethoden
Nuissl v. Rein Weiterbildung, lebenslanges Lernen, Grundqualifikationen, Beschäftigungsfähigkeit, neue Lernmethoden
Staudt/Kriegesmann e-learning, kognitive Kompetenzen, motivationale Handlungsbereitschaft, Kontext, Individualisierung
v. Pierer Weiterbildung, lebenslanges Lernen, corporate identity
Diekmann Informationsgesellschaft, Medienkompetenz, Allgemeinbildung, Lesen
Langenscheidt Lesen, Komplexität verarbeiten (metakognitive Fähigkeiten)
Fahrholz Bildung+Freiheit+Bindung, moralische Kompetenz, gegen Anomie

 

 

Inzwischen gibt es eine große Zahl von Beiträgen in den Medien zu dem wieder aktuell gewordenen Thema „Bildung in Deutschland“. Für InteressentInnen seien hier einige Internetadressen angeführt:

Für InteressentInnen seien hier einige Internetadressen angeführt (last visited: 10. 06. 2002):

http://www.zum.de/Faecher/evR2/BAYreal/as/se/pis/pisa6.htm
http://www.spiegel.de/unispiegel/0,1518,k-1864,00.html
http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,172357,00.html
http://www.bundestag.de/aktuell/bp/2001/bp0112/0112072.html
http://www.bundestag.de/cgi-bin/ldisplay.cgi?pisa
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/pisa/
http://www.zeit.de/2001/49/Hochschule/pisaindex.html
http://www.sueddeutsche.de/index.php?url=karriere/studium/31911
http://www.wdr.de/tv/service/familie/serien/pisa.phtml

Es gibt viele wunderschöne Lernziele und Empfehlungen, um die „Bildungskatastrophe“ zu mildern. Allerdings sind die meisten Aussagen sehr allgemein gehalten und werden nicht operationalisiert. Der folgende Katalog von Ratschlägen für die Bildungsreform ist möglichst konkret und gleichzeitig zielt er auf strukturelle Verbesserungen.

  1. Sprachkurse sollen verbindlich sein für Personen, die eine Daueraufenthaltserlaubnis in Deutschland oder die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten wollen, wobei neben Deutsch- auch Englischkenntnisse Punkte bringen sollten. Vermehrt sollen Sprachkurse für Ausländer- und Unterschichtkinder schon im Vorschulalter angeboten werden. 
  2. Abschaffung des Sitzenbleibens (wissenschaftlich schon seit über 20 Jahren gut abgesichert!) und anderer Formen der unnötigen Verlängerung der Schulzeit und der Bescheinigungen des Versagens.
  3. Schwerpunkt: 0 bis 6 Jahre. Vorschulerziehung, Sprachkompetenzförderung, Elternschulung, Elternnetzwerke, ganztägige Kinderzentren, Einbindung der Erzieherinnenausbildung in die Lehrerausbildung (integrierte und modularisierte Studien).
  4. Verlagerung von Ressourcen von Gymnasien und Hochschulen zum Vorschul- und Grundschulbereich (mehr Kindergärten und Kindertagesstätten, verbesserte Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen, bessere Ausstattung der Grundschulen, Ganztagsbetreuung für Kinder mindestens bis zum 10. Lebensjahr),
  5. Schrittweise Umwandlung des antiquierten deutschen dreigliedrigen Schulsystems in ein flexibles modernes Schulsystem. Ein relativ einfacher Schritt: organisatorische Verbindung von Schulen, die räumlich nahe liegen, z.B. in Schulzentren,
  6. ein schon etwas schwierigeres Unterfangen: Zusammenführen von Haupt- und Realschulen,
  7. Hinausschieben der äußeren Differenzierung: statt nach der vierten nach der sechsten Schulstufe oder später (besser als eine eigene Schulform, z.B. die Orientierungsstufe, ist eine sechs- oder sieben Schuljahre umfassende Grundschule),
  8. Durchführung von regelmäßigen individuellen Lern- und Entwicklungsdiagnosen im Vorschul- und Grundschulalter (einerseits durch die Erzieher- und LehrerInnen, andererseits durch zentrale unabhängige Diagnose- und Evaluationsagenturen),
  9. Zentren für die Erstellung und Sammlung von Lernmaterial, z.B. Multimediaanwendungen und Internetmaterial, gründen, die nach der Anfangsfinanzierung gemäß ihren Durchsetzungschancen finanziert werden (Bildungsmarkt),
  10. unabhängige Agenturen für Prüfungen (für alle Schulabschlüsse und für Module),
  11. statt Hochschulreife über Abitur sind Eingangsprüfungen und Probesemester zur Selektion im Hochschulbereich zu erproben, Abschaffung der ZVS,
  12. Stärkung der Schul- und Hochschulautonomie bei gleichzeitiger interner und externer Evaluationsverpflichtung,
  13. Auflösung des starren Jahrgangsklassenprinzips und Lockerung der bürokratischen Schulregelungen,
  14. Verkürzung und Flexibilisierung der Zeiten der Schul- und Hochschulausbildung,
  15. Modularisierung im Hochschulbereich, evtl. in Konkurrenz zu traditionellen Studiengängen,
  16. Neugestaltung der Lehreraus- und -weiterbildung: Einführung von Baukastensystemen (Modularisierung), wobei eine Evaluation der jeweiligen Module vor Ort, d.h. im Schulbetrieb, stattfindet (wenn Module sich als wirksam erweisen, dann sollten für die entsprechend Ausgebildeten die Chancen steigen, im Schuldienst eingestellt zu werden), zusätzlich zum Fachlehrerprinzip Prinzip des Sozialisationsagenten bzw. des Schulexperten mit unterschiedlichen Spezialkompetenzen (z.B. Lern- und Verhaltensdiagnosen),
  17. Schul- und Hochschulmanagementausbildung (bisher werden Kultusministerien, Schulen und Hochschulen nicht von Bildungsmanagern geleitet!),
  18. Evaluation der Kultusministerien und Schul- und Hochschulverwaltungen durch eine aus ausländischen Wissenschaftlern und Bildungsmanagern zusammengesetzte Evaluationsgruppe,
  19. SchülerInnen und Studierende wirken als Tutoren, unterrichten andere SchülerInnen und Studierende, erhalten dafür credits (eigene pädagogische und fachwissenschaftliche Module),
  20. Statt Noten und Abschlüsse Einführung von zwei Punktesystemen: das individuelle Punktesystem dient zur Feststellung des individuellen Lernfortschritts, das universelle Punktsystem dient zur Feststellung, wieweit eine Person nach festgelegten Standards über Wissen in einem Bereich verfügt,
  21. Zusätzlich zur Messung kognitiver Kompetenzen auch die Messung sozialer Kompetenzen vor allem in Kindergärten und Grundschulen einführen.


Ein interessantes Sonderproblem ist die Forderung nach mehr Disziplin in Schulen und evtl. auch in anderen pädagogischen Organisationen und Gruppen. 
Die Kontroverse bezieht sich weniger auf die Frage, ob Disziplin, d.h. lernzielefördernde soziale Verhaltensmuster, in Abstimmung mit Autoritäten und sozial anerkannten Wert- und Normgebern gestaltet, positiv zu bewerten ist, sondern wie sie hergestellt werden soll. Eine Antwort, die auf hohen Konsens stoßen wird: über individuell und sozial anerkannte Leistung („Kultur der Leistung“). Strafen, d.h. vom Betroffenen als aversiv empfundene Stimulierung, sind weniger wirksame (bzw. mit unerwarteten Nebenwirkungen verbundene) und aus ethischen und sozialen Gründen umstrittene Mittel, wenn auch in seltenen Fällen nicht vermeidbar. Sozial intelligent und professionell gestaltete Lernumgebungen sind daran erkennbar, dass selten so genannte Disziplinprobleme auftreten. Hauptschulen, in denen häufig solche Disziplinprobleme auftreten, dürften also sozial nicht intelligent und unprofessionell gestaltete Lernumgebungen sein – was höchstwahrscheinlich nicht primär an den LehrerInnen, sondern an den OrganisatorInnen in den Landesregierungen und Ministerien liegt. In Punkt 19 wurde auf die notwendige Messung (und Förderung!) sozialer Kompetenzen hingewiesen.

Ein zentraler Aspekt ist Information und Transparenz: Die jeweilige Landesregierung bzw. die kommunalen Behörden sollten im Internet die wichtigen Daten, aufgeschlüsselt nach Orts- und Stadtteilen, der Öffentlichkeit kundtun: z.B. Nachfrage nach Kindergarten- und hortplätzen vs. Angebot, Einschulungsalter, Sitzenbleiberraten und Leistungsverbesserungen der Schüler nach Schulen aufgeschlüsselt (objektive Leistungstests), Anteil der Arbeitslosen, vor allem der arbeitslosen Jugendlichen, Sprach – und Kulturkurse für Kinder und Eltern, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, usw. Dann können die InteressentInnen feststellen, wie die Lage ist und ob sie im Laufe der Zeit verbessert wird. Dies wird gekoppelt mit freien Stellungnahmen der BürgerInnen zu diesen Tatsachen, die ebenfalls im Internet versammelt werden. Dies wäre praktizierte Demokratie – und es ergeben sich Veränderungsimpulse. 
Zusätzlich sollte den BürgerInnen erklärt werden, warum erfolgreiche ausländische Modelle (Finnland, Schweden, Niederlande, flämischer Teil Belgiens etc.) im eigenen Land nicht bzw. vielleicht doch erprobt werden. Zuerst werden die jeweiligen Modelle im Internet bürgerfreundlich und verständlich dargestellt und dann wird ihre Brauchbarkeit für das eigene Land dargelegt. Auch dies wäre ein wichtiges Bildungsunternehmen. Für diese Arbeit könnten sicher Landesbedienstete an Hochschulen und in Schulen und andere Helfer gewonnen werden. Auch eine Kooperation zwischen den deutschen Bundesländern in dieser Angelegenheit ist erstrebenswert.

Es wäre also genug zu tun. Man (die Bundes – und Landesregierung, die Universitäten, die Gewerkschaften, die LehrerInnen, die Medien usw.) könnte eine eigene nationale oder regionale Aufbruchstimmung erzeugen. Dafür wäre das staatlich kontrollierte Mediensystem besonders geeignet. Statt die Fantasien irrezuleiten, über lächerliche Quizfragen Millionär zu werden, könnte man Millionär oder vielleicht auch nur Tausendär über tatsächliche Innovationen werden. Staatliche Organisationen sollten im pädagogischen Bereich Geld, Positionen und Privilegien mehr nach Leistung statt nach Dienstjahren, Beamtenpöstchen, formalen Vorschriften oder etatistischen Zwangstraditionen verteilen. 

Gefahren
So wichtig und positiv Pisa zu beurteilen ist, birgt es auch Gefahren (unerwünschte Nebenwirkungen):

  1. Vorurteile werden verstärkt: Schule bedeutet nur Leistungssteigerung in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften und vielleicht noch 2 anderen kognitiven Leistungsbereichen.
  2. Lehrer müssen mehr kontrolliert werden, d.h. statt Reform und Beratung wird Kontrolle und Strafandrohung verstärkt.
  3. Zentrale Prüfungen werden als Allheilmittel angesetzt ohne zu bedenken: Wenn man zentral totes, träges oder nur für Minderheiten brauchbares Wissen prüft, bleibt es trotzdem totes, träges oder nur für Minderheiten brauchbares Wissen.
  4. Unter Blinden ist der Einäugige König: Bayern wird zum Vorbild für die anderen Bundesländer erklärt.


Literatur
Baumert, J. u.a. (Hg.) 2001. Pisa 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen, Leske + Budrich.
Baumert, J. u.a. (Hg.) 2002. Pisa 2000. Die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. Opladen, Leske + Budrich.
Bölsche, J. 2002. Pfusch am Kind. Der Spiegel 20/2002, 96-123.
Brügelmann, H. 2002. PISA - das deutsche Bildungssystem in Schieflage? Z. f. Sozialisationsforschung u. Erziehungssoziologie 22, 217-221.
Fahrholz, B./ Gabriel, S./ Müller, P. (Hg.) 2002. Nach dem Pisa-Schock. Plädoyers für eine Bildungsreform. Hamburg, Hoffmann u. Campe.
Feldmann, K. 1980. Schüler helfen Schülern. Tutorenprogramme in der Schule. München, Urban & Schwarzenberg.
OECD (Hg.) 2001. Knowledge and skills for life. First results from PISA 2000. Paris.
Schweitzer, J. 2002. PISA und die Systemfrage. Die Deutsche Schule, 94, 2, 148-156.
Terhart, E. 2002. Nach PISA. Bildungsqualität entwickeln. Hamburg, Europ. Verlagsanstalt.

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