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Du sollst dir eine Bildung machen!

Nach PISA 2000 wehte nach langer Flaute wieder frischer Wind im Bildungswald, doch inzwischen ist es stiller geworden. IGLU entfachte ein leichtes Frühlingslüftchen. Die widersprüchlichen Vorschläge zur Veränderung des deutschen Bildungswesens – meist bereits mehrfach aufgewärmt in den letzten Jahrzehnten – hinterlassen bei vielen einen schalen Nachgeschmack. Andererseits meinen manche, die deutsche Humankapitallage sei so ernst wie schon lange nicht. Die nächsten internationalen Vergleiche werden kommen, die Globalisierung, Euralisierung oder Eurotisierung macht das Verharren im föderalistischen Bildungssumpf nicht mehr so angenehm, ständige Störungen sind zu erwarten. Mehr Lehrer, kleinere Klassen, mehr Geld, mehr Computer in Schulen, nationale Bildungsstandards werden als ganz- und halbheitliche Forderungen und Versprechungen auf den Medien- und Politikmarkt geworfen.
Der folgende Reformvorschlag wird manchen utopisch vorkommen, doch die einzelnen Bausteine sind – allerdings an verschiedenen Orten dieser Welt – bereits in Gebrauch. Ob und an welchen Orten die hier vorgestellte „Bildungswelt“ funktionieren würde, käme auf den Versuch an. Doch das Angebot ist nicht als Aufruf zu einem vorstrukturierten Totalexperiment sondern als Baukasten gemeint.
Die folgenden Forderungen und Wünsche ergeben sich m.E. aus sozial- und erziehungswissenschaftlichen Forschungsergebnissen in Kombination mit einem minimalen (fiktiven?) Wertekonsens.
1.    Staatliche und private Lernumgebungen und Bildungsorganisationen sollen ab 0 nicht ab 6 Jahren angeboten werden.
2.    Bildung, soziale Sicherung, Gesundheit und Berufserfolg sollten nicht nur Experten überlassen werden, sondern sie benötigen leistungsfähige Gruppen (Familienzusammenschlüsse, Elterngruppen, professionelle Teams etc.) und zielbezogene Vernetzung.
3.    Lern- und Bildungsgruppen, hier „Sippen“ genannt, werden von „Hauspädagogen“ und professionellen Teams unterstützt.
4.    Klienten (Eltern, Kinder) und Professionelle (Erzieherinnen, Lehrer und andere) lernen und arbeiten gemeinsam in diesen Sippen.
5.    Kindergarten, Schule und Hochschule sind nicht primär Betonklötze mit Blockwarten, Container, juristische Netzwerke und Kostenträger sondern Dienstleistungsnetzwerke, ambulante Teams und professionelle Lernumwelten.
6.    Eigenaktivität, individuelle und Gruppenleistung, Diagnose und Evaluation müssen sein, Notengebung und Abitur müssen nicht sein.

Hauptziele organisierter Bildung sind die Entwicklung positiver Kompetenzen und die Gesundheit der Klienten (Kinder, Jugendliche und Eltern). Schulen fördern oft negative Kompetenzen (Täuscher, desinteressierter Wissensspeicher, Bürokrat, Leerläufer,  Passivist, Soft-Tyrann) und auch Krankheit.

Entscheidende Lernweichen werden zwischen 0 und 6,7,8 Jahren gestellt, folglich ist es ratsam, das Bildungssystem mit 0 Jahren beginnen zu lassen und an die Orte des Geschehens Hochqualifizierte zu senden. Im Brennpunkt: Vorschulerziehung, Sprachkompetenzförderung, Elternschulung, Elternnetzwerke, ganztägige Kinderzentren, Erzieherinnenausbildung auf Hochschulniveau (ambulante Hochschule!) – und vor allem Sippenbildung.

Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt! Da Bildung und Gesundheit einzelne Menschen betreffen, heißt das Grundprinzip Individualisierung und
NICHT
Selektion nach „Begabung“, Jahrgangsklassenprinzip, Fachorientierung, Schulform, Bildungskanon oder Zeugnis.

Die einzelnen Lernenden sind in Sippen (ca. 10 bis 15 Personen unterschiedlichen Alters, die häufig interagieren) eingebettet. Sippen sollen für Kinder und Erwachsene gemeinschaftliches Leben kombiniert mit Leistungsklima bieten, sie werden in Stadtteilen bzw. Gemeinden vorrangig für Eltern mit Kindern (aller Altersstufen), ansonsten für alle Lernwilligen angeboten. Diese Gruppen werden von Hauspädagogen, die in Teams arbeiten (Lehrerin, Sozialarbeiter, Psychologin, Erzieherin etc.), betreut. Eine Hauspädagogin kümmert sich wie ein guter Hausarzt, mit dem sie zusammenarbeitet, um konkrete Klienten (Kinder und Eltern) und steht als langjährige Beraterin den Klienten zur Verfügung, während heutige Lehrer meist fachorientierte Unterrichtsbeamte sind.
Die Bereitschaft, sich in diesen Gruppen zu engagieren, sollte durch positive Erfahrungen, sozialpolitischen Druck und durch empirische Nachweise gesichert werden, dass regelmäßige Gruppenteilnahme die Leistungen, den Schul- und Berufserfolg und das Wohlbefinden der Teilnehmer signifikant verbessert. Motivation: Wer nicht rechtzeitig Bildungsvorsorge betreibt, erhält weniger staatliche Gratifikationen und muss später für Schule mehr bezahlen – wie bei der Zahnpflege.
Die Sippen begleiten die Kinder und Jugendlichen bis ins Erwachsenenalter – sie dienen zum lebenslangen Lernen und zur sozialen Unterstützung vor allem auch in Krisensituationen. Gerade bei Ortswechsel können die Kinder in einer fremden Stadt schneller integriert werden, da die sozialen Kompetenzen durch die Sippen gefördert und aktualisiert werden. Mit früheren Sippen bleiben die ehemaligen Mitglieder in Kontakt, da vielfältige lose Beziehungen ihre Lebens- und Berufschancen erhöhen.

Durch ambulante Teams (Lehrer, Schüler, Eltern und andere Personen) wird einer Ungleichverteilung von personellen Ressourcen, zu denen auch die Klienten gehören, entgegengewirkt. Konkret: Schüler eines Gymnasiums unterrichten bzw. helfen in einer Sonder-, Grund- oder Hauptschule, in der über die Hälfte der Schüler aus Ausländer- bzw. Unterschichtfamilien stammen – keineswegs eine primär altruistische Aktion, da die Schüler dabei mehr und Brauchbareres lernen als im Deutsch-, Chemie- oder Geschichtsunterricht im Gymnasium (fach- und nicht-fachspezifisch).

Wichtige Lernziele sind Kooperations- und Konkurrenzkompetenz. Beide Prinzipien werden auf allen Ebenen gelernt: Individuum, Gruppe, Organisation. Im Gegensatz zu derzeitigen Schulnormen wird neben der Individualkonkurrenz gleichwertig die Gruppenkonkurrenz gefördert. Außerdem wird ebenfalls im Gegensatz zur derzeitigen Schulpraxis die Kooperation in Gruppen genauso belohnt wie die kognitive Leistung einzelner. Belohnung erfolgt NICHT durch Noten, sondern durch Erhöhung der Partizipationschancen, z.B. Mitwirkung in begehrten Teams bzw. Erwerben höherer Freiheitsgrade (Selbstbestimmung von Lernmodulen, Lernzeiten etc.).

Wenn jemand zum Arzt geht, wünscht er eine gute Diagnose. Wenn ein Kind lernen, gesund bleiben und sozial erfolgreich sein soll, dann müssen gute Diagnosen über den Kompetenzstand, das Verhaltenspotenzial und die Kontextbedingungen erstellt werden. Kindern kann man schon ab 4 Jahren schrittweise die Selbstdiagnose vermitteln, eine Kompetenz, die in Deutschland nicht einmal die Mehrzahl der Abiturientinnen erworben hat.
Diagnose, Evaluation und Forschung sind verbunden. Sie dienen vor allem zur Feststellung der wesentlichen Einstellungs- und Verhaltensänderungen der Klienten (Schüler und Eltern), der zielbezogenen Kompetenzen und Leistungen der Professionellen, der Sippen- und Gruppenleistung und der Qualität der Bildungsorganisationen. Die Evaluation (objektive Messung und handlungsorientierte Aufbereitung) wird sowohl von Forschungsteams oder Evaluationsorganisationen als auch von den Betroffenen selbst durchgeführt.
Um Selbst- und Fremddiagnose zu verbessern, werden statt Noten und Abschlüsse zwei Bewertungssysteme eingeführt: das individuelle Bewertungssystem erfasst den individuellen Lernfortschritt, das universelle Bewertungssystem erfasst, wieweit eine Person nach festgelegten Standards über Wissen in einem Bereich verfügt und wie ihre Gruppen- und Netzwerkleistungen sind. Durch den Vergleich beider Messungen kann u.a. festgestellt werden, ob der Schüler sich in einem optimalen Lernkontext befindet. Mit der individuellen Leistungsbewertung ist immer eine Beratung verbunden.

Ein Grundprinzip: Optimismus und Erfolg für jeden statt Defizit- und Fehleransatz. Sitzenbleiben (wissenschaftlich schon seit über 20 Jahren als schädigend nachgewiesen!) und andere Formen der unnötigen Verlängerung der Schulzeit und der lernerfolgsschädigenden Bescheinigungen des Versagens werden abgeschafft bzw. nur bei Klientenwunsch gestattet.

Modularisierung: Module oder Lern- und Arbeitsfelder entstehen in verschiedenen sozialen Kontexten, in Schulen, Hochschulen, Betrieben, Familien, in den Medien etc. Module sind Netze, Skript- und Schematasammlungen, Kulturgestalten, z.B. gesunde Ernährung von Kindern und alten Menschen, mathematische Basiskenntnisse, politische Einstellungen und Verhaltensweisen, Kauf und Nutzung von Fahrzeugen, ein Musikinstrument spielen, Lernwissenschaft oder Schifahren. Eine Öffnung des Marktes der Module und ein vernünftig (nicht deutschbürokratisch) geregelter Konkurrenzkampf bringen Leben in die von erstarrten Curricula gezeichnete Bildungslandschaft. Selbstverständlich bleibt der Erwerb von Basiskompetenzen für alle verbindlich und vorrangig.

Die Aus- und Weiterbildung von Professionellen, z.B. Erzieherinnen und Lehrern, vollzieht sich vor allem an den wichtigen Lernorten, also Kindergärten, Lerngruppen, Sippen, Schulen, im Internet, in Betrieben, und mit berufslebenslanger Betreuung durch interprofessionelle Teams.

In der Regel soll Bildung dezentralisiert werden, doch länderübergreifende Angebote und europäische Verbundsysteme sind für manche Aufgaben sinnvoll, z.B. für Bildungs- und Evaluationsforschung, für Modulvernetzung, um Zentren für die Herstellung von multimedialen Lernmaterial zu errichten, für Schul- und Hochschulmanagementausbildung (bisher werden Kultusministerien, Schulen und Hochschulen nicht von Bildungsmanagern geleitet!) etc.

Ressourcen, d.h. Räume, technische Geräte etc. werden wirksamer genutzt. Die bürokratischen Regelungen werden auf das Mindestmaß zurückgeschraubt. Korsettbefreites Lernen verändert die Umwelt, die Architektur, die Gegenstände, die zeitlichen und räumlichen Beschränkungen (Ganztagsbetreuung; 24-Stundenbetrieb in Computerräumen).

Jeder Staatsbürger von 0 bis Lebensende hat ein Anrecht auf Bildung, die freilich nicht kostenlos und motivationsunabhängig verabreicht wird. Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder regelmäßig zur Diagnose zu senden (TÜV), und in Sippen mitzuarbeiten. Staatliche Gratifikationen sind von regelmäßiger Mitarbeit abhängig. Jeder neue Bürger erhält bei der Geburt einen Gesundheits- und Bildungspass, in dem wesentliche Daten der Entwicklung, Diagnosen und die medizinischen und pädagogischen Interventionen eingetragen werden. Intelligente soziale Kontrolle statt dümmlicher sozialer Kontrolle!

Und die unseligen Strukturfragen? Gesamt-, Haupt-, Real-, Sonderschule und Gymnasium?
Neue Gesetze sind in der Regel unnötig, die alten sollen schrittweise liberalisiert (bedeutet in vielen Fällen: abgebaut) werden, um Rahmenbedingungen für eine zukunftsorientierte Gesellschaftsentwicklung zu garantieren, wobei Schweden und Finnland bessere Modelle bieten als Bayern oder Baden-Württemberg. Gut sind Strukturen, in denen kreative Lerngruppen entstehen, wenige Schulen und wenige Schüler versagen,  in denen Lehrer, Schüler und Eltern lernen und kooperieren; die Gesetze sollten sie daran möglichst wenig hindern. Die Selektion wird schrittweise auf höhere Schulstufen verschoben.

Die bisherige Argumentation wird von einem blauäugigen pädagogischen Ansatz und folgender Hintergrundsannahme geleitet: Auf allen Ebenen der Gesellschaft besteht ein allgemeines Interesse an einer Verbesserung der Lern- und Lebenschancen aller Kinder und Erwachsenen oder sogar speziell der Benachteiligten. Tatsächlich dürfte ein Konfliktansatz angemessen sein: Kapitalkräftige, Privilegierte, Herrschende verteidigen ihre Positionen, halten z.B. am mehrgliedrigen Schulsystem und an den bürokratischen Zwangsjacken fest und wehren sich gegen Verlagerung der Ressourcen zu Gunsten der sozial Schwachen. Vielleicht wirkt eine funktionalistische und systemtheoretische Betrachtung harmonisierend: Es entwickelt sich ein gemeinsames Interesse der meisten Eliten, dass die Gesellschaft stabil bleibt, die soziale Ungleichheit nicht zunimmt, dass Deutschland Spitzenplätze in Wirtschaft und Wissenschaft erringt und dass zu diesen Zwecken Innovationen und kreative Unternehmungen erforderlich sind. Somit haben Innovatoren, Progressive, Reformer, Aufklärer, Kreative und Unternehmer trotz Filz, Muff, verstaubter Distinktion und verkrusteter Bildungsbürokratie Handlungschancen. Tja, für die ist dieser Artikel geschrieben.

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